Die Wallfahrtskirche in Dieburg
Der Platz auf dem sich heute die Wallfahrtskirche erhebt, war ehemals der Mittelpunkt
des römischen Dieburg. Von der reichen Stadtkultur der Römerzeit zeugt
jeder Quadratmeter des Dieburger Bodens, aber es ragt davon über die Erde nicht
ein einziger Mauerstumpf. Hart an römische Mauerruinen lehnen sich die
Fundamentmauern dieser Wallfahrtskirche an.
Zwischen der Straße und dem Hauptschiff der Kirche verlaufen
Mauerzüge, zu denen auch ein quadratisches Turmfundament gehört,
das unter der Südapsis des Querschiffs steckt. Schon in vorkarolingischer
Zeit entstand jene dreischiffige Basilika, auf deren Grundmauern noch jetzt
das Hauptschiff der heutigen Kirche ruht. Mit ihrem geräumigen Chor,
ihrem gradlinigen Abschluß nach Osten und ihrem rätselhaften
Maßsystem ist sie unter den vergleichbaren Kirchen des 8. Jahrhunderts
die altertümlichste. Für 14 Ortschaften war diese Pfarrkirche das
einzige Gotteshaus des Sprengels, der ein geistliches Halbstift bildet.
Patrone der Kirche waren die Apostelfürsten Petrus und Paulus.
Es war ein schwerer Schicksalsschlag für das Dieburger Land, als diese
Kirche 1216 niederbrannte. Bei dem Wiederaufbau beschränkte man sich auf
die Modernisierung der schadhaft gewordenen Teile, Basen und
Kämpferkapitelle. Als Ersatz für den abgetragenen freistehenden
Glockenturm bekam die Kirche einen neuen vor der Mitte der Westfront.
Über dem Fundament des alten Glockenturms errichtete man eine kleine
Marienkapelle, die 1232 eingeweiht wurde.
In der 2. Hälfte des 14.
Jahrhunderts wurde der Kirche in gotischem Stil ein rippengewölbter Chor
mit überhöhtem Dach angefügt, der Turm im Westen erhielt einen
Oberbau, die Seitenschiffe wurden bis auf einen Kapellenraum niedergelegt, die
Arkaden zugemauert, um dem Kircheninnern im Gegensatz zum bisherigen Zustand
eine größere Schlankheit in der Längsrichtung zu geben. Auch die
alte Sakristei im Norden des Ostchors erhielt ihr gotisches Gewölbe.
Dieser hochgestimmten Bauzeit gehören die Reste der Malerei an den
Apsiswänden, das schlichte Sakramentshäuschen des Ostchors und das
Kruzifix an der südlichen Außenwand an.
Seinen Gipfel erreichte der religiöse Aufschwung des gotischen
Zeitalters in Dieburg mit der Aufstellung der einzigartigen Pieta, dem heute
noch hochverehrten
Gnadenbild zu Dieburg.
Als Erzbischof Daniel Brendel von Homburg im Jahre 1569 der Pfarrei Dieburg
die seitherige Minoritenkirche als Pfarrkirche zuwies, konnte das alte Dieburger
Gotteshaus ausschließlich zu dem werden, was es noch heute ist, nämlich
zur Wallfahrtskirche.
Für den Zustrom der Wallfahrer war sie jedoch nicht geräumig genug.
In dem kriegerischen 17. Jahrhundert konnte eine Vergrößerung nicht erfolgen,
doch am Ende dieses Jahrhunderts, 1697, erbaute man das südliche Querschiff
nach der Niederlegung der Marienkapelle. Die Einwölbung der gesamten
Kirche, die bis dahin flach gedeckt war, begann 1701 in der Art eines
Tonnengewölbes mit Fensterstichkappen, sogar der gotische Ostchor wurde
in dieses Gewölbesystem einbezogen, nachdem das Netzgewölbe entfernt
worden war. Man erkennt dies noch an den Kragsteinen. Der Raumgewinn im
Süden war so überzeugend, daß man anschließend auch ein
etwas höheres und längeres nördliches Querschiff zufügte.
Dadurch erhielt der Gesamtraum seinen Schwerpunkt im Westen. Man trug diesem
Umstand Rechnung durch Aufstellung des Hochaltars vor dem Westeingang. Auch
die Portale und vergrößerten Rundbogenfenster gehören diesem
Bauabschnitt an. Die Decke erhielt ihre barocke Bemalung im Ornamentstil. Die
Altäre schuf der Dieburger Kunstschreiner Joh. Pet. Achtekirch,
nämlich den Josefsaltar, der als Hochaltar in der Mitte stand, ferner
den Laurentius- und Antoniusaltar. Mit der Stiftung der Kanzel und der
Aufstellung der Orgel kam 1759 die barocke Ausstattung zum Abschluß.
Erzbischof Joh. Friedr. K. v. Ostein empfand sodann das Bedürfnis, dem
Dieburger Gnadenort von sich aus einen neuen
Hochaltar
zu stiften. Er
beauftragte 1749 seinen nachmals berühmt gewordenen Stukkateur
Joh. Pet. Jäger mit der Ausführung und ließ sein eigenes
Wappen über dem Gnadenbild aufhängen mit dem Spruchband EX VOTO
(d.h. auf Grund eines Gelübdes).
Mehr als ein Jahrhundert lang tobten wiederum die Wetter um das alte
Gemäuer der Gnadenkapelle und verursachten bedenkliche Schäden.
Da reifte der Plan zum Abbruch und gänzlichen Neubau, für den
fromme Spender schon über 150.000 Mark zusammengebracht hatten. Doch die
Inflation von 1923 verwehte dieses Kapital und rettete das tausendjährige Heiligtum vor dem
Abbruch. In den Jahren 1929/30 erlebte die Wallfahrtskirche ihre
bauliche Sicherung und stilvolle Restaurierung. Im Zusammenhang damit erhielt
sie auf der Nordseite einen Außenaltar, der durch einen säulengetragenen
Baldachin geschützt ist. Die Grabsteine des alten Friedhofs wurden 1948
abgetragen und die Stationskapellen der sieben Schmerzen Mariä errichtet.
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