Das Gnadenbild
Dieburg ist schon seit dem Mittelalter das Ziel frommer Pilger. Es hatte
bereits 1232 eine Marienkapelle; bald nach 1400 entstand jenes Vesperbild,
das in der Stadtpfarrkirche aufgestellt ist. Es war wohl der gleiche Meister,
der um 1420 das jetzige Gnadenbild schuf.
Dunkel ist sein Ursprung, wir kennen nicht den Meister, der es schuf, noch
das Entstehungsjahr. Aus dem Umstand, daß wir in Dieburg einen
Vorläufer in gleicher Herstellungstechnik besitzen, ist zu schließen,
daß beide Bildwerke aus der Hand des nämlichen und wohl hier
ansässigen Meisters hervorgegangen sind. Wir sind gewohnt, daß die
Gnadenbilder Erzeugnisse derber Volkskunst sind. Zur Überraschung
für den Kenner ist unser Gnadenbild ein vollendetes Meisterwerk auf der
Höhe der Gotik.
Kunst und Frömmigkeit vereinen sich in dem Dieburger Gnadenbild zu
höchster Steigerung. Gotisch ist das edle und kräftige Linienwerk
der gesamten Komposition. Der Oberkörper des Leichnams Christi lehnt an
die Brust Mariens an und gibt dem Bildwerk eine Geschlossenheit, wie sie zuvor
bei diesen Gruppen nicht zu bemerken war und auch der älteren Pietà
der Dieburger Pfarrkirche fehlt.
Es gibt
außer der unübersehbaren Zahl von Votivtafeln (Maria hat geholfen),
von denen die meisten aus Raumgründen nach kurzer Zeit wieder entfernt
werden müssen, noch weitere Anzeichen, die einen Schluß auf den
Rang des Gnadenbildes zulassen: Kein anderes Gnadenbild des mittelrheinischen
Raumes hat eine so große Zahl von Reproduktionen ins Leben gerufen.
Ein kunstgeschichtliches Rätsel ist die stoffliche Beschaffenheit unseres
Gnadenbildes. Es ist nicht aus Holz geschnitzt, wie es den Anschein hat. Gleich
der Pietà in der Dieburger Pfarrkirche ist es innen hohl. Bei einer
Untersuchung und Restaurierung der älteren Pietà der Pfarrkirche
ergab sich, daß die sichtbare Außenseite des Bildwerks aus
mehreren Materiallagen besteht. Zuinnerst befindet sich eine lederne Grundform,
darüber liegen Stoffstreifen, die mit Ton und Bindemitteln zu einer zarten
Masse verarbeitet sind, darauf ist erst die Polychromierung aufgetragen. Wundmale
und Blutbäche sind besonders bei der Bemalung hervorgehoben. Besondere
Sorgfalt ist auf den Saum des Mantels verwandt, der aus Tonmodeln in
Reliefbildern (Löwen, Adler, gotische Ornamente) abgeformt ist und eine
Vergoldung trägt. Arme und Beine der Christusfigur sind geschnitzt.
Letztlich wurde das Gnadenbild durch den Restaurator Dr. Wolfgang Brückner
in Frankfurt renoviert und zur Eröffnung der Mai-Andacht 1963 wieder
über dem Tabernakel des
Hochaltars
aufgestellt.
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